Ein Hinwiler Generalunternehmen will das Wohnen der Zukunft fördern und hat in Wetzikon ein Haus gebaut, dessen Fassaden fast vollständig aus Solarpanels bestehen. Das sind aber nicht die einzigen Extras.

«Diese Bäume haben wir gepflanzt.» Ueli Hirzel blickt aus dem Fenster. Davor stehen zwei riesige Föhren. «Damals waren sie klein – irgendwie auf Augenhöhe.» Wer hätte gedacht, dass Hirzel sie 60 Jahre später wieder auf Augenhöhe sehen würde. Nun aus seiner Wohnung im vierten Geschoss des «Sonnenparks Plus», einem Mehrfamilienhaus an der Wetziker Spitalstrasse, das sich von seinesgleichen abhebt. Ueli Hirzel ist Teil einer dreiköpfigen Erbengemeinschaft, der Geschwister, denen das Landstück in Unterwetzikon gehörte und die hier ihre Kindheit verbracht hatten. Das Trio wollte die Parzelle mit dem alten Wohnhaus verkaufen und holte Offerten mit Vorprojekten ein. Hirzel erzählt, da seien etliche Eingaben gekommen, denen man die Stossrichtung sofort ansah. «Ein Grundriss mit maximaler Ausnutzung, ökonomisch profitabel, architektonisch aber nichts Besonderes.» Hirzel sagt es einfach und deutlich: «Das interessierte uns nicht.» Dann war da das Projekt eines Hinwiler Unternehmens namens Arento. Ein Mehrfamilienhaus, praktisch rundum mit Solarpanels eingekleidet, eine Anlage auch auf dem Dach, Regenwasserfang für die WC-Spülungen und das Aussenwasser, Aussenwände aus recyceltem Zeitungspapier, Holz und Lehm. Die Föhren behielten einen Platz im Umgebungskonzept. «Das Projekt hob sich ab. Uns war sofort klar: Das ist eine Firma, die sich das Landstück angeschaut und sich überlegt hat, wie man etwas Sinnvolles, Schönes auf dieses Stück Land setzen könnte.» Der Entscheid fiel einstimmig. Investoren, die grosse Profite gewittert hatten, rauften sich die Haare. Hirzel räumt ein, dass die Erbengemeinschaft vermutlich höhere Landpreise hätte erzielen können. Aber Geld interessiere die drei nicht sonderlich. «Es gibt nichts Ärmeres als reiche Menschen», zitiert Hirzel Aristotle Onassis.

Panels mit eigener Architektur

Nach dem Verkauf begann das Projekt. Und das fand Hirzel «unverschämt spannend». Er habe den ganzen Prozess verfolgen und begleiten können. Hirzel beeindruckte daran insbesondere die Liebe zum Detail, der Perfektionismus der Generalunternehmerin. «Ich bin selber ein sehr genauer Mensch und schätzte, dass die Bauherren mit dieser Haltung zur Sache gingen.» Der Perfektionismus schlägt sich in vielen Details nieder. Die Solarpanelverkleidung wurde etwa eigens fürs Haus designt. «Kein China-Import», sagt Hirzel. Laut Franz Schnider von der Firma Arento steckt in jedem einzelnen Panel eine eigene Architektur. An der Aussenhülle sind sie hinter einer dunklen feingenoppten Verkleidung versteckt. «Sie macht die Fassade lebendig.» Je nach Lichteinfall zeigt sie verschiedene Schattierungen, mal sieht man praktisch hindurch, mal gaukelt sie eine Holzfaserung vor, dann wiederum erscheint sie ganz schwarz. Es gibt andere Details, die Schnider erwähnt. Etwa die Heizung in den Wänden, die im Sommer zur Klimaanlage wird: Statt warmes, fliesst dann kaltes Wasser durch die Rohre. Den Effekt illustriert er mit Fotos von Anfang Woche: Messungen an der Fassade zeigen 41 Grad Celsius, an der Wand gerade mal 22 Grad, im Kinderbett mittig im Zimmer 23 Grad. «Und das alles mit natürlicher Bauweise.» Nebst dem Kaltwasser in den Rohren habe die Lehmschicht an der Wand eine regulierende Wirkung fürs Raumklima, sagt Schnider.


Fest installiertes Tablet im Wohnzimmer

Für die Firma Arento ist es das erste Gebäude in diesem Stil. Elemente davon habe man schon in anderen Fällen verwendet, aber nie so zusammengefügt. «Deshalb nutzen wir aktuell eine der Wohnungen selber, als Laborwohnung.» Dort führen Mitarbeiter Messungen durch, etwa mit Wärmebildkameras an den Wänden, um die Dämmwerte zu prüfen. Aber auch der Stromverbrauch der einzelnen Verbraucher sowie der Gewinn der Solaranlage wird akribisch gemessen und analysiert. Das gefällt auch Ueli Hirzel. Er hat wie jeder Bewohner an einer Wand im Wohnzimmer ein Tablet fest installiert. Darauf kann er seinen eigenen Stromverbrauch beobachten, aber auch kontrollieren, wie der aktuelle Produktionsstand der Anlage ist. Anhand dieser Informationen kann er entscheiden, ob und wann er etwa seine Waschmaschine oder den Geschirrspüler laufen lassen will, damit sie vom städtischen Stromnetz unabhängig funktionieren. «Man lebt auf diese Weise viel bewusster», sagt er. Da die Vergaben teils günstiger ausfielen, als die Arento das kalkuliert hat, blieb am Ende etwas Geld übrig. Anstatt dies in die eigene Tasche zu stecken, hat die Generalunternehmerin den Bewohnern sechs Batterien «geschenkt», die einen Teil der Sonnenenergie speichern können. «Das erhöht den Spielraum, um wirklich energetisch autark leben zu können», sagt Schnider. So oder so produziert das Haus übers Jahr hinweg gesehen deutlich mehr Strom als dessen Bewohner verbrauchen. «Dank der sonnigen Sommermonate waren wir bislang permanent über den Erwartungen.» Die Anlage läuft seit Mai, die Bewohner der zehn Wohnungen sind Anfang Juni eingezogen.

Ein eigenes Auto für die Bewohner

Hirzel klickt sich durch die App des Sonnenparks und bleibt beim Auto hängen. «Ist das nicht grossartig?», fragt er. Die Arento stellt den Bewohnern ein Elektroauto gratis zur Verfügung, das sich mit dem selber produzierten Solarstrom auftanken und das man via App reservieren kann, wenn man da wohnt. Schnider sagt, die Kosten für die Firma seien gering. Treibstoff und Öl würden nicht anfallen, die Versicherung und kleine Servicearbeiten fielen nicht gross ins Gewicht. «Dafür tun wir etwas für die Umwelt, wenn die Leute statt mit Benzin mit Solarstrom fahren.» Die ganze Grosszügigkeit hat keine Kehrseite, wie Hirzel findet. «Für die Arento liegt ja immer noch ein Profit drin, und dagegen ist auch gar nichts einzuwenden», sagt er. Doch die Firma hebe sich vom Gedanken der wirtschaftlichen Effizienz auf sympathische Weise ab. Er habe zunächst gedacht, das sei eine klassische Utopie, nicht alltagsfähig. «Meine Erkenntnis ist nun aber, dass Nachhaltigkeit die Lebensqualität verbessert. Wir müssen hier auf nichts verzichten, im Gegenteil. Es ist fantastisch, an solch einem Projekt teilzuhaben.» Schnider sagt dazu: «Wir sind nicht so bekannt, weil wir etwas pressescheu sind. Aber uns geht es nicht nur um den Gewinn. Wir finden solche zukunftsweisenden Projekte einfach wahnsinnig spannend und haben Spass daran.» Ueli Hirzel hätte nie gedacht, dass er an diesen Ort seiner Kindheit zurückkehren würde. Er habe sein Leben als Vagabund verbracht, sagt er. Er zählt sich zur 68er-Bewegung, kam vom Theater zum Zirkus, baute in Frankreich eine Künstlerstätte auf, wo diese Projekte verwirklichen können, und zog als Zirkusdirektor durch die Welt. Er habe in Berlin, Chile, Frankreich gelebt. Teils auch in Wohnungen, aber nur weil dort sein Job gewesen sei. «Und jetzt lerne ich plötzlich etwas anderes kennen. Sesshaftigkeit, unbeschränkt und ohne, dass sie mit dem Beruf zusammenhängt.» Er glaubt, dass er hier bleiben wird. «Nicht, dass ich nicht mehr reisen würde. Aber ich kann immer wieder hierher zurückkehren, und es ist Heimat.» Er blickt nochmals aus dem Fenster in Richtung Alpen. «Diese Berge sind die Berge meiner Kindheit. Ich bin auf jedem von ihnen herumgekraxelt.»

 

Text verfasst von David Kilchör